Eine Entwicklung, die den Dämmstoffmarkt in Mitteleuropa nachhaltig verändern könnte: Austrotherm hat am Standort Purbach ein Recyclingverfahren für expandiertes Polystyrol (EPS) etabliert, das sowohl Produktionsabfälle als auch Rückbau-Material in den Herstellungsprozess zurückführt. Das Verfahren adressiert zwei zentrale Herausforderungen der Branche: die Kreislaufführung petrochemischer Dämmstoffe gemäß den Vorgaben der EU-Taxonomie und die Kostenoptimierung in einem zunehmend regulierten Markt für Gebäudedämmung.
Technische Grundlagen des Recyclingverfahrens
Das von Austrotherm implementierte Verfahren basiert auf einer mehrstufigen Aufbereitung von EPS-Material. Verschnitt und Produktionsreste, die bislang thermisch verwertet wurden, durchlaufen einen mechanischen Zerkleinerungs- und Reinigungsprozess. Das gewonnene Granulat wird anschließend – nach Kontrolle der Rohdichte und Korngrößenverteilung – in definierten Anteilen der Neuproduktion zugeführt. Entscheidend für die Normkonformität ist dabei, dass die mechanischen Eigenschaften des Endprodukts den Anforderungen der DIN EN 13163 für Wärmedämmstoffe aus expandiertem Polystyrol entsprechen müssen. Besonders kritisch sind die Druckspannung bei 10 Prozent Stauchung sowie die Wärmeleitfähigkeit, ausgedrückt durch den Lambda-Wert (λ).
Für Planer und Verarbeiter relevant: Die Wiederverwendung von EPS-Rezyklat darf die Deklaration der Dämmstoffklasse nach DIN 4108-10 nicht beeinträchtigen. Austrotherm gibt an, dass durch die kontrollierte Beimischung die erforderlichen λ-Werte von 0,031 bis 0,035 W/(m·K) – je nach Produktlinie – eingehalten werden. Zudem bleibt die Brandklasse E nach DIN EN 13501-1 für Standard-EPS unverändert, da das Rezyklat keine neuen Flammschutzmittel einbringt, sondern die bestehende HBCD-freie Formulierung beibehält.
Kreislaufwirtschaft und EPD-Bilanzierung
Die Integration von Recyclingmaterial in die EPS-Produktion hat direkte Auswirkungen auf die Umweltproduktdeklaration (EPD) des Dämmstoffs. Nach den Vorgaben der DIN EN 15804 müssen alle Stoffströme – inklusive Rezyklat-Anteile – in der Ökobilanz erfasst werden. Austrotherm kann durch die Rückführung von Produktionsabfällen den Anteil an Primärrohstoffen reduzieren, was sich in einem niedrigeren GWP-Wert (Global Warming Potential) niederschlägt. Konkret bedeutet dies: Jede Tonne recyceltes EPS, die nicht thermisch verwertet wird, vermeidet die Neuproduktion von Styrol-Monomer – ein energieintensiver Prozess mit hohen CO₂-Emissionen.
Im Vergleich zu anderen Dämmstoffherstellern, die auf Mineralwolle oder nachwachsende Rohstoffe setzen – etwa ROCKWOOL mit Steinwolle oder STEICO mit Holzfaserdämmung – positioniert sich Austrotherm damit als Anbieter eines geschlossenen Kreislaufs für petrochemische Dämmstoffe. Für Architekten und Bauherren, die nach DGNB- oder BREEAM-Kriterien zertifizieren, steigt damit die Attraktivität von EPS, sofern die EPD-Daten entsprechend aktualisiert werden.
Wirtschaftliche Einordnung: Kosteneffizienz und Marktdruck
Die Entscheidung für ein werkseigenes Recyclingverfahren ist auch eine Reaktion auf volatile Rohstoffpreise. Styrol, der Hauptbestandteil von EPS, unterliegt als Erdölderivat erheblichen Preisschwankungen. Durch die Rückführung von bis zu 15 Prozent Rezyklat – ein in der Branche üblicher Anteil für normkonformes EPS – kann Austrotherm die Abhängigkeit von Spot-Märkten reduzieren und die Produktionskosten stabilisieren. Dies ist insbesondere im Kontext der steigenden Anforderungen an die energetische Sanierung nach dem Gebäudeenergiegesetz (GEG) relevant, wo Dämmstoffpreise pro Kubikmeter eine entscheidende Rolle spielen.
Ein Vergleich mit anderen Initiativen der Branche zeigt: Auch Saint-Gobain über die Marke ISOVER hat in den vergangenen Jahren verstärkt in Glaswoll-Recycling investiert, während Austrotherm bereits eine Recyclinganlage im Vollbetrieb für EPS-Dämmstoff etabliert hat. Die Parallelität dieser Entwicklungen deutet auf einen systematischen Wandel hin: Kreislaufwirtschaft wird vom regulatorischen Anspruch zur ökonomischen Notwendigkeit.
Normkonformität und Zulassungsfragen
Für den Einsatz von recyceltem EPS in wärmedämmenden Anwendungen ist die Konformität mit DIN EN 13163 zwingend. Austrotherm muss nachweisen, dass die Wiederverwendung von Material keine negativen Auswirkungen auf die Langzeitbeständigkeit hat – insbesondere hinsichtlich Feuchteaufnahme, Dimensionsstabilität und Alterungsverhalten. Die werkseigene Produktionskontrolle (WPK) nach DIN EN 13172 ist hier das zentrale Instrument. Zusätzlich sind für Anwendungen in Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) allgemeine bauaufsichtliche Zulassungen (abZ) erforderlich, die explizit den Rezyklat-Anteil ausweisen müssen.
Ein weiterer Aspekt: Die Verwendung von Rückbau-Material – also EPS aus abgebrochenen Gebäuden – erfordert zusätzliche Qualitätssicherung. Kontaminationen durch Verschmutzung, Alterung oder HBCD-haltige Flammschutzmittel (in Produkten vor 2016) müssen ausgeschlossen werden. Austrotherm gibt an, dass derzeit primär Produktionsabfälle recycelt werden; die Integration von Post-Consumer-Material befindet sich noch in der Erprobungsphase. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zu Faserzement-Recycling, wie es etwa Etex und Heidelberg Materials bereits großtechnisch umsetzen.
Ausblick: Skalierung und Branchenwirkung
Die Etablierung des Recyclingverfahrens in Purbach ist ein Baustein in einer größeren Strategie. Austrotherm betreibt weitere Standorte in Mittel- und Osteuropa und hat bereits ein zweites Dämmstoffwerk in Rumänien angekündigt. Die Frage wird sein, ob das Recyclingverfahren auf diese Standorte übertragen wird und ob andere EPS-Hersteller nachziehen. Für den Dämmstoffmarkt könnte dies bedeuten: EPS wird zunehmend als Recyclingbaustoff wahrgenommen, was seine Position gegenüber Mineralwolle und Holzfaserdämmung im Kontext von zirkulärem Bauen stärkt.
Planer sollten bei der Material-Spezifikation künftig auch den Rezyklat-Anteil berücksichtigen – nicht nur aus Nachhaltigkeitserwägungen, sondern auch, weil dies zunehmend in öffentlichen Ausschreibungen gefordert wird. Die Entwicklung bei Austrotherm zeigt: Kreislaufwirtschaft im Dämmstoffsektor ist technisch machbar, normkonform umsetzbar und wirtschaftlich sinnvoll.


