Ein Traditionsunternehmen der deutschen Keramikindustrie steht vor dem Neuanfang unter Insolvenzschutz: Die Deutsche Steinzeug Cremer & Breuer AG mit Sitz in Alfter bei Bonn hat beim zuständigen Amtsgericht einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt. Rund 1000 Beschäftigte sind von der Krise betroffen. Das Unternehmen, das zu den etablierten Anbietern im Bereich Feinsteinzeug und keramischer Wand- und Bodenfliesen zählt, plant eine Sanierung unter gerichtlicher Aufsicht.
Die Insolvenz der Deutsche Steinzeug reiht sich ein in eine Serie struktureller Verwerfungen im keramischen Sektor. Erst wenige Wochen zuvor hatte Agrob Buchtal, ein weiterer bedeutender deutscher Fliesenhersteller, ebenfalls den Weg in die Eigenverwaltung gewählt. Die Parallelen sind evident: Beide Unternehmen kämpfen mit den Folgen drastisch gestiegener Energiekosten für den energieintensiven Brennprozess keramischer Massen, erhöhtem Preisdruck durch Importe aus der Türkei, Spanien und Italien sowie einer schwächelnden Baunachfrage im deutschen Markt.
Die Produktion von Fliesen und Feinsteinzeug nach DIN EN 14411 erfordert Brenntemperaturen von 1200 bis 1300 °C – ein Prozess, der historisch auf Erdgas als Primärenergieträger basierte. Die Vervielfachung der Gaspreise seit 2021 hat die Kostenstruktur keramischer Werke fundamental verschoben. Während südeuropäische Wettbewerber teilweise auf alternative Energieträger und modernere Tunnelofenanlagen umgerüstet haben, stehen viele mittelständische deutsche Hersteller vor Investitionsentscheidungen im dreistelligen Millionenbereich – eine Größenordnung, die ohne externe Finanzierung oder strategische Partner kaum zu stemmen ist.
Für Planer und Baustoffhändler stellt die Häufung von Insolvenzen im Keramiksegment eine Herausforderung für die Lieferkettensicherheit dar. Produktspezifische Zulassungen, Farbabstimmungen und Nachliefergarantien bei Großprojekten sind gefährdet, wenn Hersteller den Betrieb einstellen oder Produktlinien konsolidieren müssen. Die Sanierungsverfahren zielen zwar auf den Erhalt der Arbeitsplätze und der Produktionskapazitäten, doch bleibt abzuwarten, ob die geplanten Restrukturierungsmaßnahmen ausreichen, um die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber südeuropäischen und außereuropäischen Anbietern wiederherzustellen.
Branchenbeobachter erwarten eine weitere Konsolidierung im europäischen Keramikmarkt, vergleichbar mit der jüngsten Konzentration im Dachziegelsektor durch Übernahmen großer Gruppen. Ob die Deutsche Steinzeug mittelfristig eigenständig bleibt oder in eine größere Unternehmensstruktur integriert wird, dürfte wesentlich von der Entwicklung der Energiemärkte und der Verfügbarkeit kostengünstiger, dekarbonisierter Prozesswärme abhängen.