Eine Entwicklung, die den europäischen Stahlmarkt weiter in Richtung Dekarbonisierung treibt: Der schwedische Stahlhersteller SSAB hat eine Förderung in Höhe von 20 Millionen Euro von der Europäischen Union erhalten. Die Mittel sind für ein Forschungs- und Entwicklungsprogramm bestimmt, das die Produktion von grünem Stahl durch wasserstoffbasierte Direktreduktion vorantreiben soll. Die Förderung unterstreicht die strategische Bedeutung der Stahltransformation für die europäische Klimapolitik und die Baustoffbranche.
SSAB verfolgt mit seinem HYBRIT-Projekt (Hydrogen Breakthrough Ironmaking Technology) einen Produktionsansatz, der fossile Brennstoffe durch Wasserstoff ersetzt. Im Gegensatz zur konventionellen Hochofentechnologie, die Baustahl mit hohen CO₂-Emissionen von bis zu 1,9 Tonnen CO₂ pro Tonne Stahl erzeugt, soll das DRI-Verfahren mit grünem Wasserstoff die Emissionen auf nahezu null senken. Die Technologie nutzt direktreduziertes Eisen (DRI) als Einsatzmaterial für den Lichtbogenofen (EAF), wodurch die energieintensive Koksverbrennung entfällt. SSAB hat bereits 2021 erste Pilotlieferungen von fossilfreiem Stahl an Abnehmer aus der Automobil- und Bauindustrie durchgeführt und plant die kommerzielle Produktion ab 2026.
Die EU-Förderung positioniert SSAB in einem zunehmend kompetitiven Marktumfeld. Parallel investieren auch ArcelorMittal und Thyssenkrupp massiv in wasserstoffbasierte Stahlproduktion, wobei ArcelorMittal allein in Hamburg rund eine Milliarde Euro in eine DRI-Anlage investiert. Für die Baustoffbranche hat diese Entwicklung unmittelbare Konsequenzen: Bewehrungsstahl mit niedrigem CO₂-Fußabdruck wird zur Voraussetzung für klimaneutrale Bauvorhaben, insbesondere im Kontext des europäischen CBAM-Mechanismus, der ab 2026 CO₂-Grenzwerte für importierte Stahlprodukte einführt.
Planer und Einkäufer sollten die Verfügbarkeit von grünem Stahl frühzeitig in Ausschreibungen berücksichtigen. Die Preisprämie für fossilfreien Stahl liegt aktuell bei etwa 15 bis 25 Prozent gegenüber konventionellem Material, dürfte jedoch durch skalierte Produktion und regulatorische Anreize mittelfristig sinken. Zudem ermöglichen EPDs für grünen Stahl eine präzise CO₂-Bilanzierung in Gebäudezertifizierungen nach DGNB oder vergleichbaren Standards. Die SSAB-Förderung ist damit nicht nur ein technologischer Meilenstein, sondern auch ein Signal für die beschleunigte Integration nachhaltiger Stahlprodukte in europäische Lieferketten.
Ein verwandtes Projekt zeigt die Breite der Kooperationsmöglichkeiten: SSAB und Heidelberg Materials entwickeln CO₂-armen Zement aus Stahlschlacke und demonstrieren damit, wie Nebenprodukte der Stahlindustrie in die zirkuläre Baustoffwirtschaft integriert werden können.
